Johannes 1,43–51:
Jesus ruft Philippus und offenbart sich Nathanael
Johannes 1,43–51 (SCHL2000)
Die richtige Auslegung von Johannes 1,43–51
Nachdem das Evangelium gezeigt hat, wie das Zeugnis des Johannes zwei Jünger zu Jesus führte und Andreas anschließend Simon zu ihm brachte (Johannes 1,35–42), zeigt es nun weiter, wie sich die erste Gruppe von Jüngern bildet. Jesus ruft Philippus unmittelbar, und Philippus findet Nathanael. Die Erzählung führt vom menschlichen Zeugnis zu einer immer umfassenderen Offenbarung darüber, wer Jesus ist: derjenige, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, der Sohn Gottes, der König von Israel und schließlich der Sohn des Menschen, über dem sich der Himmel öffnet.
(V. 43)
«Am folgenden Tag wollte Jesus nach Galiläa reisen; da findet er Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!»
Die Erzählung geht erneut »am folgenden Tag« weiter.
Diesmal führt nicht ein anderer Jünger Philippus zu Jesus: Jesus selbst findet ihn und ruft ihn.
Seine Worte sind kurz und direkt: »Folge mir nach!«
Dieser Ruf zeigt die Initiative Jesu. Philippus gehört zu der Gruppe, die sich nun um ihn sammelt, nicht aufgrund einer zuvor geschilderten eigenen Suche, sondern weil Christus ihn persönlich ruft.
(V. 44)
«Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus.»
Johannes fügt hinzu, dass Philippus aus Bethsaida stammte, derselben Stadt wie Andreas und Petrus.
Dieses Detail verbindet die ersten Jünger miteinander und verankert die Erzählung zugleich in einem konkreten geschichtlichen und geografischen Umfeld.
(V. 45)
«Philippus findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden , von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs, von Nazareth.»
Philippus tut unmittelbar dasselbe, was Andreas zuvor bei Simon getan hatte: Nach seiner Begegnung mit Jesus sucht er einen anderen Menschen auf und gibt ihm Zeugnis von Jesus.
Seine Aussage stellt Jesus in den Zusammenhang der gesamten Erwartung der Schrift. Mose und die Propheten hatten auf unterschiedliche Weise das Wirken und Kommen des Messias angekündigt; Philippus ist überzeugt, in Jesus den gefunden zu haben, auf den diese Verheißungen hinwiesen.
Seine Aussage kann Texte wie die Ankündigung des Mose ähnlichen Propheten in 5. Mose 18,15–18 einschließen, doch Philippus beschränkt sie nicht auf eine einzelne Prophetie.
Dann bezeichnet er ihn als »Jesus, den Sohn Josephs, von Nazareth«. So war Jesus in seinem menschlichen Umfeld bekannt. Der Leser weiß jedoch bereits aus dem Prolog, dass seine Identität weit über diese Beschreibung hinausgeht.
(V. 46)
«Und Nathanael sprach zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!»
Die Verbindung Jesu mit Nazareth ruft bei Nathanael sofort einen Einwand hervor.
Johannes erklärt nicht, warum Nathanael so reagiert. Deutlich ist lediglich, dass ihm diese Herkunft nur schwer mit der Aussage des Philippus vereinbar erscheint.
Philippus versucht nicht, den Einwand mit einer langen Diskussion zu widerlegen. Er antwortet mit derselben Art von Einladung, die Jesus zuvor ausgesprochen hatte: »Komm und sieh!«
Diese Antwort ist bedeutsam. Philippus lädt Nathanael ein, selbst zu prüfen, wer Jesus ist.
(V. 47)
«Jesus sah den Nathanael auf sich zukommen und spricht von ihm: Siehe, wahrhaftig ein Israelit , in dem keine Falschheit ist!»
Noch bevor Nathanael etwas sagt, macht Jesus deutlich, dass er bereits etwas über ihn weiß.
Er nennt ihn »wahrhaftig ein Israelit, in dem keine Falschheit ist«.
Diese Aussage bereitet wahrscheinlich den Bezug auf Jakob vor, der am Ende der Szene folgt. Jakob, dessen Geschichte in 1. Mose auch mit Täuschung verbunden ist, erhielt später den Namen Israel. Jesus bezeichnet Nathanael als einen Israeliten, in dem keine Falschheit ist, und erinnert kurz darauf gerade an Jakobs Vision aus 1. Mose 28.
Die Aussage scheint daher mehr zu sein als nur ein allgemeines Lob für Nathanaels Charakter; sie gehört zu der biblischen Bildsprache, mit der Jesus eine größere Offenbarung über sich selbst vorbereitet.
(V. 48)
«Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich!»
Nathanael ist überrascht, weil Jesus von ihm spricht, als würde er ihn bereits kennen.
Die Antwort Jesu verstärkt diesen Eindruck noch: Noch ehe Philippus ihn rief, hatte Jesus Nathanael bereits unter dem Feigenbaum gesehen.
Johannes erklärt nicht, was Nathanael dort tat oder welche besondere Bedeutung jener Augenblick hatte. Deshalb sollten wir keine Erklärungen über Gebet, das Studium des Gesetzes oder andere Tätigkeiten konstruieren, die der Text nicht erwähnt.
Der entscheidende Punkt ist einfacher und zugleich stärker: Jesus zeigt, dass er Nathanael kannte, bevor Nathanael zu ihm gekommen war.
(V. 49)
«Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!»
Nach diesen Worten Jesu verändert sich Nathanaels Reaktion grundlegend.
Er nennt ihn »Rabbi«, fügt aber unmittelbar zwei wesentlich größere Titel hinzu: »Sohn Gottes« und »König von Israel«.
Innerhalb der Hoffnung Israels waren beide Titel eng mit dem davidischen Messias verbunden. In 2. Samuel 7,14 verheißt Gott dem Nachkommen Davids ein Vater-Sohn-Verhältnis, und in Psalm 2 wird der gesalbte König als der von Gott eingesetzte Sohn vorgestellt.
Damit erkennt Nathanaels Bekenntnis Jesus als den verheißenen messianischen König an.
Der Leser des Evangeliums weiß jedoch bereits, dass die Bezeichnung »Sohn Gottes« bei Jesus noch eine wesentlich tiefere Bedeutung hat, als Nathanael in diesem Augenblick möglicherweise erfasst. Der Prolog hat den Sohn als den vorgestellt, der von Anfang an bei Gott war und ihn zu erkennen gibt.
(V. 50)
«Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum? Du wirst Größeres sehen als das!»
Jesus erkennt an, dass sein übernatürliches Wissen über Nathanael dieses Bekenntnis ausgelöst hat.
Doch unmittelbar danach stellt er dieses erste Zeichen in einen größeren Zusammenhang: »Du wirst Größeres sehen als das!«
Damit bereitet Jesus den folgenden Vers vor. Das wirklich Große wird nicht einfach darin bestehen, dass Jesus etwas Verborgenes über Nathanael weiß, sondern darin, zu erkennen, wer Jesus in der Beziehung zwischen Himmel und Erde ist.
(V. 51)
«Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Künftig werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen!»
Jesus leitet seine Aussage mit einer feierlichen Formel ein: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch«.
Zugleich wechselt er in den Plural: »werdet ihr ... sehen«. Die Verheißung gilt nun nicht mehr nur Nathanael, sondern der ganzen Gruppe von Jüngern.
Diese Worte erinnern unmittelbar an Jakobs Vision in 1. Mose 28,10–17. Dort sah Jakob den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf einer Leiter auf- und niedersteigen, die Erde und Himmel miteinander verband.
Jesus verändert dieses Bild jedoch an einem entscheidenden Punkt: Die Engel Gottes werden »auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen«.
Jesus stellt sich damit als den dar, der den Platz der Leiter Jakobs einnimmt: Er ist der wahre Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde, derjenige, durch den Gott sich offenbart und den Menschen nahekommt.
Das knüpft unmittelbar an den Prolog an. Das Wort, das bei Gott war, wurde Fleisch und wohnte unter uns; nun erklärt Jesus, dass über dem Sohn des Menschen der Himmel selbst geöffnet ist.
Zum ersten Mal im Evangelium bezeichnet Jesus sich außerdem als »den Sohn des Menschen«. Diesen Titel wird er wiederholt für sich selbst verwenden, und Johannes wird seine Bedeutung im weiteren Verlauf der Erzählung entfalten.
Folgerungen
- Jesus ergreift die Initiative bei der Jüngerschaft: Er findet Philippus und ruft ihn unmittelbar dazu auf, ihm nachzufolgen.
- Die Schriften weisen auf Jesus hin: Philippus erkennt ihn als den, von dem Mose und die Propheten geschrieben haben.
- Das Verständnis darüber, wer Jesus ist, wächst Schritt für Schritt: Nathanael geht von der Frage nach seiner Herkunft dazu über, ihn als Sohn Gottes und König von Israel zu bekennen.
- Jesus kennt die Menschen, bevor sie ihn kennen: Er zeigt, dass er Nathanael bereits vor ihrer Begegnung kannte.
- Jesus ist der verheißene messianische König: Die Titel »Sohn Gottes« und »König von Israel« bringen die königliche Hoffnung Israels zum Ausdruck.
- Jesus ist die wahre Verbindung zwischen Himmel und Erde: Die Vision Jakobs findet ihren Mittelpunkt im Sohn des Menschen.
Anwendungen
- Antworte auf den Ruf Jesu, indem du ihm nachfolgst: Philippus wird zum Jünger, weil Christus ihn ruft.
- Prüfe, wer Jesus ist, im Licht der Schrift: Philippus erkennt, dass Mose und die Propheten auf ihn hinweisen.
- Lass nicht zu, dass ein erster Eindruck dein Urteil über Christus bestimmt: Nathanael war bereit, der Einladung zu folgen und zu »kommen und zu sehen«.
- Lade andere ein, zu Jesus zu kommen: Philippus gibt die Einladung weiter, die er selbst empfangen hatte: »Komm und sieh!«
- Lass dein Verständnis von Christus weiter wachsen: Auch wahre erste Bekenntnisse können zu einer noch umfassenderen Erkenntnis darüber führen, wer er ist.
- Erkenne Jesus als den einzigen Mittler der Offenbarung Gottes: In ihm öffnet sich der Himmel, und Himmel und Erde werden miteinander verbunden.
Zusammenfassung
In Johannes 1,43–51 ruft Jesus Philippus unmittelbar, der seinerseits Nathanael findet und ihm verkündet, dass sie den gefunden haben, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben. Obwohl Nathanael zunächst fragt, ob aus Nazareth etwas Gutes kommen könne, nimmt er die Einladung des Philippus an: »Komm und sieh!« Als er sich Jesus nähert, zeigt Jesus, dass er ihn bereits kannte, bevor Nathanael zu ihm kam. Daraufhin bekennt Nathanael ihn als Sohn Gottes und König von Israel. Jesus kündigt jedoch eine noch größere Offenbarung an: Die Jünger werden den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen. Indem Jesus auf Jakobs Vision in 1. Mose 28 anspielt, stellt er sich als den wahren Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde vor. So endet das Kapitel damit, dass die ersten Jünger von einer anfänglichen Erkenntnis Jesu zu einem immer tieferen Verständnis seiner Identität geführt werden.
Gebet
Unser Vater, wir danken dir, dass du in Jesus Christus die Verheißungen erfüllt hast, die in der Schrift angekündigt wurden.
Wir danken dir, dass er der Sohn Gottes, der verheißene König und der Sohn des Menschen ist, über dem sich der Himmel zur Erde hin öffnet.
Hilf uns, seinem Ruf zu folgen, zu ihm zu kommen, ohne uns von unseren ersten Eindrücken beherrschen zu lassen, und immer besser zu erkennen, wer er ist.
Lehre uns auch, andere ganz einfach einzuladen, zu »kommen und zu sehen«, im Vertrauen darauf, dass Christus selbst sich zu erkennen gibt.
Und während wir dieses Evangelium weiter studieren, lehre uns, in Jesus den Einzigen zu erkennen, der den Vater wirklich zu erkennen gibt und uns den Weg zu ihm öffnet.
Darum bitten wir dich im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.
Die Bibel Schlachter 2000
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